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aventinus recensio Nr. 28 [30.09.2011] 

Matthias Krämer 

Wigbert Benz: Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941, Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2011. 16,00 €. ISBN 978-3-86573-613-0.  

 

Am 22. Juni 1941 überfiel Nazideutschland die Sowjetunion. Dass auch 70 Jahre danach noch viele Menschen den zugrundeliegenden Hungerplan nicht richtig einordnen können, hat den ehemaligen Geschichtslehrer und Publizisten Wigbert Benz dazu bewogen, einen Überblick über den Forschungsstand und die wichtigsten Quellen vorzulegen, der sich wegen seines geringen Umfangs an eine breitere Leserschaft wendet als die regalfüllende Spezialliteratur. 

Benz will keine Forschungslücke schließen, konstatiert jedoch ein Ungleichgewicht in der jüngeren Literatur: Der „Kern des Nationalsozialismus“ sei, so Benz’ Prämisse, dass er „die Völker der Welt in wertvolle und minderwertige einteilt.“ (S. 7) Daraus erwachse seine massenmörderische Dynamik. Die Forschung orientiere sich jedoch bei „Gesamtdarstellungen des Dritten Reiches“ weiterhin auf die Zwischenkriegszeit statt auf den Zweiten Weltkrieg, „obwohl der Wille zum Krieg um Lebensraum, seine Verankerung im Bewusstsein der Deutschen durch geistige Mobilmachung, die rassische Sanierung des Volkes durch die ‚Entfernung‘ der Juden und anderer ‚Minderwertiger‘ sowie die soziale und wirtschaftliche Besserstellung der neuen deutschen Volksgemeinschaft auf Kosten der unterworfenen Völker in Europa schließlich den besonderen Charakter des Nationalsozialismus ausmachen.“ [1]

Im Hungerplan erkennt Benz diesen Kern des Nationalsozialismus wieder: Im Glauben an ihre arische Überlegenheit wähnten sich die Nationalsozialisten – aber auch „viele ganz normale Deutsche“ und ebenso „Industrie und Privatwirtschaft“ (S. 7) – im Recht, ihre vier Kriegsziele gegenüber der UdSSR rücksichtslos zu verfolgen. Das waren gemäß Andreas Hillgrubers Habilitationsschrift von 1965 die „Ausrottung der ‚jüdisch-bolschewistischen‘ Führungsschicht“, die „Gewinnung von Kolonialraum für deutsche Siedler“, die „Unterwerfung der slawischen Massen“ im „Zustand dumpfen blinden Gehorsams gegenüber den neuen ‚Herren‘“ und die Errichtung des „autarken, blockadefesten ‚Großraums Kontinentaleuropa‘ unter deutscher Herrschaft, für den die eroberten Ostgebiete das – vermeintlich – unerschöpfliche Reservoir an Rohstoffen und Lebensmitteln darstellen sollten“. [2] Neben Zugang zu Nahrung, Rohstoffen und Kolonien betont Benz das Motiv des Regimes, in Osteuropa mittelfristig Absatzmärkte für die deutsche Konsumgüterindustrie zu schaffen, indem die russischen Industriegebiete entvölkert, zu Agrarregionen hinabgedrückt und von deutschen Fertigprodukten abhängig gemacht würden (S. 36f.)

Benz zitiert – wie oben zu sehen – ausgiebig aus der einschlägigen Literatur. Die rund 60 Titel umfassende Auswahlbibliographie legt ihren Schwerpunkt auf Werke, die zwischen 2005 und 2010 erschienen sind, nennt aber auch die wichtigsten Quelleneditionen und Meilensteine der älteren Forschung. In den Fußnoten, in denen Benz auch bis März 2011 erschienene Texte verarbeitet, beschränkt er sich auf Gedrucktes und online Verfügbares. Der Verzicht auf eigene Archivrecherche (S. 9) gehört ebenso zum Konzept des Verfassers wie die seitenlangen Zitate aus den wichtigsten Dokumenten zum Hungerplan (S. 29–44) und die Konzentration auf die erklärten Absichten Hitlers, Görings, Rosenbergs und Himmlers (S. 49–61). Das Büchlein richtet sich nicht an die Experten für den Vernichtungskrieg, sondern an Studierende, Lehrer/innen und Historiker/innen mit anderen Spezialgebieten. Deren Bedürfnissen wird es weitgehend gerecht; speziell für den Geschichtsunterricht hat Benz online didaktisches Material zum Thema publiziert. [3]

Ob die in der Vorbemerkung darüber hinaus angesprochenen Schüler/innen und allgemein Geschichtsinteressierten von der Präsentation des Materials überfordert wären, ist schwerer zu sagen: Beispielsweise stellt Benz die vier Hauptfiguren der hinter dem Hungerplan stehenden NS-Ideologie nur hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Hungerplan vor. Eine gute Orientierung über Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg setzt er ebenfalls voraus. Dafür bietet er aber eine knappe, klar gegliederte und gut lesbare Einführung in die Forschungsdiskussion, ohne unnötig zu polarisieren. 

Den in der Literatur umstrittensten Aspekt, ob die treffendste Bezeichnung Hungerplan, Hungerkalkül, Hungerpolitik oder Hungervorhaben lauten müsse, löst Benz, indem er argumentiert, dass kein Widerspruch zwischen den Begriffen bestehe (S. 46f.). Seine Präferenz für den Begriff Hungerplan begründet er mit der Konzentration des Buches auf die Planungen des Regimes (S. 29–61) und der nachgeordneten Behandlung ihrer Praxiswirksamkeit (S. 63–76). Denn unter den Bedingungen des Krieges, der gegen die UdSSR nicht wie gewünscht als Blitzkrieg schnell die Front bis hinter Moskau verschob, ließ sich das Vorhaben, die Nahrungsüberschüsse produzierenden Gebiete militärisch von den Großstädten zu isolieren, nicht in die Tat umsetzen (S. 63f.). Statt der geplanten 30 Millionen (S. 24) gelang es den deutschen Truppen „nur“, vermutlich über eine Million Leningrader durch die Blockade der Stadt (S. 67) und 2,5 bis 3,5 Millionen Kriegsgefangene (S. 72) zu verhungern. Benz stützt sich bei dieser ungewohnten Verwendung von „verhungern“ als aktivem Verb wie „umbringen“ oder „verbrennen“ auf Hans-Heinrich Nolte und Timothy Snyder (S. 47).

Kleinere Schwächen – etwa die Übersetzung von „a lightning victory“ als „einen leichten Sieg“ (S. 24); die durchgängig falsche Titelaufnahme zu Timothy Snyders „Bloodlands“ (S. 24, 27, 84 u.ö.) oder die pauschale Aufführung der Wikipedia in der Auswahl-Bibliographie – sind verzeihlich und womöglich dem Termindruck zur rechtzeitigen Publikation vor dem Jubiläum geschuldet. Misslicher sind ein Irrtum um den Faktor 1000 bei den 1941–1943 geraubten Getreideeinheiten (der sich aber auf die Zahl der rechnerisch dem Verhungern preisgegebenen Menschen nicht verfälschend auswirkt, S. 66) sowie die mehrfache falsche Verwendung der ethischen Begriffe „Utilitarismus“ und „utilitaristisch“, wo bloß militärische Nützlichkeit gemeint ist (S. 68, 71 u.ö.). Auch diese konzise Bilanz des Hungerplans und seiner ideologisch-wirtschaftlich-militärischen Grundlagen erfordert also stets kritisches Lesen. 

Anmerkungen

  • [1]

     Benz zitiert dies auf S. 16f. aus Jürgen Förster, Das andere Gesicht des Krieges. Das „Unternehmen Barbarossa“ als Eroberungs- und Vernichtungskrieg, in: Roland G. Foerster (Hrsg.), „Unternehmen Barbarossa“. Zum historischen Ort der deutsch-sowjetischen Beziehungen von 1933 bis Herbst 1941, München 1993, S. 151–161, hier S. 152.

  • [2]

     Benz zitiert dies auf S. 13f. aus Andreas Hillgruber, Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940–1941, Frankfurt am Main 1965, S. 519f.

  • [3]

     Das Online-Magazin „Lernen aus der Geschichte“ befasst sich in Ausgabe 6 mit dem Schwerpunkt „70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion“. Darin: Wigbert Benz: Lernen zum Vernichtungskrieg im Osten 1941. Zur didaktischen Bedeutung der Inhaltsauswahl, in: Lernen aus der Geschichte, 08.06.2011, <http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/9564> (24.07.2011); vgl. Empfehlung Unterrichtsmaterial. Das „Unternehmen Barbarossa“ und der Fall Paul Karl Schmidt, in: Lernen aus der Geschichte, 08.06.2011, <http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/9584> (24.07.2011).

Empfohlene Zitierweise

Krämer, Matthias: Rezension Wigbert Benz: Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941, Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2011. 16,00 €. ISBN 978-3-86573-613-0. aventinus recensio Nr. 28 [30.09.2011], in: aventinus, URL: http://www.aventinus-online.de/no_cache/persistent/artikel/9084/

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Erstellt: 30.09.2011

Zuletzt geändert: 30.09.2011

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